Merle Kröger

Izadoras Masterplan
Berlin, Januar 2016

Das wilde Mädchen in der pinkfarbenen Jacke entwickelt sich am Rande des Films zu einem kamerascheuen Teenager. AND-EK GHES… – der Titel – beinhaltet viele Versprechen, viele Geschichten, so auch ihre und meine.

Noami ist ihr „Roma-Name“, Izadora heißt sie offiziell. Noami und ich sind uns 2011 an einem heißen Augusttag im Hof des Hauses ihrer Großmutter in Fața Luncii begegnet, jenem Viertel von Craiova in Rumänien, das ihr Zuhause ist. Noami mit ihrer kleinen Schwester auf dem Arm. „Naomi?“, frage ich, „wie Naomi Campbell?“ „Noami“, bestätigt ihre geliebte Oma. Der Buchstabendreher bleibt. Ich weiß nicht mehr, wie es eigentlich angefangen hat, wir hatten ja keine gemeinsame Sprache, aber irgendwie sind wir auf das Thema Indien gekommen. Noamis Kostümwechsel während dieses Tages, an dem wir wie in einem Backofen im Schatten des Hauses hocken, während die Männer drinnen den Film ‚Revision’ drehen, sind rasant. Sie inszeniert ihre eigene Castingshow, weil über mich ein Weg nach Indien, nach Bollywood zu führen scheint. Die Kleider, glitzernd, die Moves à la Deepika Padukone und Priyanka Chopra sind zu unscharf verwischten Bildern der Erinnerung geworden. Im Fokus ist ihr Blick: fordernd, forschend, liebevoll, streng. Am Ende dieses ersten Tages hat sie mir eine Haarspange geschenkt und mein Herz gestohlen.

Heute kenne ich auch ihre Version der Geschichte. Drei Jahre nach unserer ersten Begegnung standen wir uns plötzlich in Berlin gegenüber: fremdelnd, Herzklopfen, ein schüchterner Blick, Neugier. Keine Worte. Die Kamera wird zum Mittel der Kommunikation. Noami zeigt mir, was sie und ihre Brüder gedreht haben, wir lachen und versuchen uns darüber auszutauschen.

Es verging eine Ewigkeit, bis Noami endlich in die Schule gehen durfte. Ich erinnere mich an den Tag, an dem wir die Magie einer gemeinsamen Sprache entdeckten: „Der Tag, an dem du in mein Haus gekommen bist ...“, beginnt sie leise, aber bestimmt. Ich habe plötzlich das Gefühl, Teil eines Masterplans zu sein – den wir „Erwachsenen“ nur ausführen, der aber ausgeheckt wurde hinter diesem kritisch mich betrachtenden Paar dunkler Augen.

„Eines Tages ...“ oder so ähnlich, versprach ich ihr damals in Rumänien, „fährst du vielleicht nach Indien. Wer weiß?“ AND-EK GHES… – Eines Tages ... Wir machen vorsichtige Reisepläne. Sie möchte übrigens Izadora genannt werden.